Der gestressten Seele Gutes tun

Der gestressten Seele Gutes tun

Im März 2020 stufte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Ausbruch der Covid-19-Krankheit als Pandemie ein. Ein Jahr später spüren wir, dass Corona uns mehr denn je stresst. Woran liegt das und wie können wir uns selbst Gutes tun? Darüber geben Dr. Margot Imhäuser, Allgemeinmedizinerin und Koordinatorin des Krisenstabs, und Dr. André Kümmel, leitender Oberarzt im Gezeiten Haus Bonn, Auskunft.

Derzeit lesen wir viel von „der gestressten Seele“ oder dem „Corona-Burn out“. Was erschöpft uns in diesen Zeiten eigentlich so?

André Kümmel: In der Corona-Zeit wird uns deutlich, wie stark unsere Emotionen unser körperliches Wohlbefinden bestimmen. Denn obwohl es den meisten von uns gut geht, fühlt sich kaum noch jemand unbeschwert, im Gegenteil, unsere Seelen sind gestresst: sei es durch Existenzängste, die Sorge um Freunde oder Familienmitglieder oder die Angst, selbst krank zu werden. Von großer Bedeutung ist dabei, dass die Pandemie mittlerweile zu einer Art „Dauerzustand“ geworden ist, bei dem es immer schwieriger wird, ein Ende abzusehen. Das ist einfach nur schwer auszuhalten, vor allem, weil wir damit oft allein sind und uns der Austausch mit anderen fehlt. Wir sind den bekannten Abläufen entzogen und tun uns schwer, neue Strukturen und Routinen zu finden. Zudem nehmen wir ständig Nachrichten auf, die uns teilweise verunsichern.

Wozu führt das aus medizinischer Sicht?

André Kümmel: Wir erwarten vor allem eine Zunahme der Angstsymptomatik. Der psychologische Druck, der mit der Pandemie verbunden ist, lässt uns Menschen verkrampfen und sorgt gleichzeitig für Aggressionen. Ich glaube, Angst ist aktuell das vorherrschende Moment. Eine allgemeine Angst, das zu verlieren, was unser Leben vor Corona ausgemacht hat. Mit einer lang anhaltenden Angst steigen auch das Erschöpfungspotenzial und die Zahl der Depressionen.

Margot Imhäuser: Hinzu kommt, dass Corona es uns sehr schwer macht, abzuschalten und die Spannungskurve in unserem Körper nach unten gehen zu lassen. Unser System ist zwar darauf ausgelegt, dass wir Spannungen aushalten können, diese sich aber auch wieder lösen. Der Abbau von Spannungen erfolgt stark über Bewegung und soziale Kontakte. Das sind genau die Dinge, die im Moment nur in erschwerter Form stattfinden können.

Was bedeuten die Corona-Folgen für die Arbeit der Klinik?

Margot Imhäuser: Es ist schwieriger geworden, Angstpatient*innen durch einen klaren Schnitt aus ihrer Situation herauszuholen und sie der Erfahrung auszusetzen, was sein könnte, wenn „die Dinge, die ihnen das Leben erschweren, nicht mehr da wären“. Ich habe manchmal das Gefühl, dass viele Patient*innen sich ihrer Kompetenzen beraubt sehen und dem Ganzen mit einer gewissen Rat- und Orientierungslosigkeit gegenüberstehen. Bei alledem haben wir jedoch gute Wege gefunden, um unseren Patient*innen weiterhin einen optimalen Rahmen für ihre Therapie zu bieten: sei es durch kleinere Gruppengrößen oder die Anpassung unserer therapeutischen Maßnahmen.

André Kümmel: Es ist bereits heute spürbar, dass die Zahl der Stress-Patient*innen perspektivisch steigen wird. Schon seit Anfang des Jahres haben die Anfragen zugenommen. Das sind häufig Menschen, die eigentlich nach Corona kommen wollten, es aber einfach nicht mehr schaffen, weil sie noch stärker destabilisiert sind als sie es ohnehin wären. Die Pandemie stellt für sie eine Überforderung dar, da sie ihre Probleme noch größer zu machen scheint. Je stärker sie dies als Unsicherheit empfinden, desto größer wird der Wunsch nach professioneller Hilfe.

Was können wir denn im Alltag tun, um unsere Seele zu entlasten?

Margot Imhäuser: Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Eine Hilfestellung, die wir unseren Patient*innen in der Regel mitgeben, wenn sie die Klinik verlassen, ist, sich und dem Tag eine Struktur zu geben. Das gilt derzeit für uns alle. Klar strukturierte Tagesabläufe sind auch im Homeoffice hilfreich und sollten immer auch Pausen einbeziehen, zum Beispiel für Bewegung. – Ein anderer Aspekt ist unser Umgang mit Nachrichten. Ich empfehle einen reduzierten und insgesamt gezielteren Medienkonsum. Wir sollten uns überlegen, welche Informationsquelle wir wählen und warum wir dieser Vertrauen schenken. Gleichzeitig brauchen wir auch Zeiten, in denen wir „die Schotten dicht machen“, um neben Corona anderen Dingen Raum geben zu können.

Welche Rolle spielt Bewegung in Zeiten des „gefühlten Stillstands“?

André Kümmel: Bewegung spielt eine zentrale Rolle, nicht nur in unseren Therapieansätzen. Ich glaube, wir alle tun gut daran, uns regelmäßig und ausreichend zu bewegen. Gerade das Draußen-Sein und das Naturerlebnis geben unserer Seele in einer Phase, in der die sozialen Kontakte reduziert sind und das gemeinsame Kulturerlebnis fehlt, Halt. Das fängt vor der eigenen Haustüre an. Dabei haben wir auch die Chance, Dinge entdecken, die wir ansonsten vielleicht nie wahrgenommen hätten. Das können auch einfache und kleine Dinge sein. Wir sollten wieder lernen, genau diese kleinen Dinge wertzuschätzen. Das ist letzten Endes auch eine Frage der Haltung, denn vielleicht brauchen wir vieles von dem, was wir als „die große Ablenkung“ empfinden, ja gar nicht. Es wäre doch schön, wenn wir daraus lernen, das Schöne und Elementare in unserem Umfeld neu zu entdecken.

Dr. med. Margot Imhäuser ist Fachärztin für Allgemeinmedizin, Dr. André Kümmel Leitender Oberarzt in der Gezeiten Haus Klinik Bonn, die sich auf die Behandlung von Depressionen, Burn-out und Stressfolgeerkrankungen spezialisiert hat.